Konzeption und Inhalte der "Programmierten Sporttherapie" für hämophile Personen



Epidemiologische Studien konnten vielfach die Bedeutung von körperlicher Bewegung in der Prävention verschiedener Erkrankungen belegen. Seit einigen Jahren wird nun auch hämophilen Patienten das Sporttreiben sowie regelmäßige Bewegung empfohlen und sogar als Notwendigkeit in der adjuvanten Behandlung der Hämophilie angesehen. Die Möglichkeiten der Sporttherapie als Mittel der primären bis tertiären Prävention bei der Behandlung hämophiler Personen wurden allerdings bisher wenig eingesetzt. Aufgrund der langen Anfahrtswege zu den jeweiligen Behandlungszentren ist ein klassisches gemeinsames Gruppentraining mehrmals die Woche kaum durchführbar. Deshalb wurde das Modell der „Programmierten Sporttherapie“ entwickelt.

„Programmierte Sporttherapie“ verbindet ein von spezialisierten Sporttherapeuten und Ärzten geführtes Training in der Gruppe mit einem selbstständigen betreuten Training zu Hause. Das Gruppentraining wird in Form von gemeinsamen Sportscamps durchgeführt. Das Eigentraining zu Hause wird mit Hilfe moderner Medien durch Sporttherapeuten unterstützt und anhand individueller Trainingspläne gesteuert. Einen Erklärungsansatz der therapeutischen Inhalte der „Programmierten Sporttherapie“ bildet das integrative Modell der funktionellen Gelenkstabilität nach LEE & VLEEMING. Die vier Elemente umfassen Bewusstsein, Motorische Kontrolle, Aktive Stabilität und Passive Stabilität (siehe Abbildung). Diese Elemente bieten einerseits einen direkten therapeutischen Zugang zum problematischen Gelenk selbst, anderseits stehen sie in enger Wechselwirkung zueinander. Störungen können bei Personen mit Hämophilie in allen Elementen auftreten.
Die therapeutischen Inhalte der „Programmierten Sporttherapie“ können in drei Ebenen unterteilt werden. Die Basisebene ist die bewusste Körperwahrnehmung, das Körperschema. Die neutrale Gelenkkontrolle über die Aktivierung gelenknaher stabilisierender Muskulatur bildet die zweite Ebene. Die dritte Ebene ist unter Beachtung der ersten beiden Inhalte die Kontrolle dynamischer zyklischer und azyklischer Bewegungen ohne und mit externen Lasten in funktionellen Bewegungsketten. Das Ziel dieser dritten Ebene ist die Integration der gewonnenen Gelenkstabilität in Aktivitäten des täglichen Lebens. Ebenenübergreifend stellen Übungen und Methoden zur Körperwahrnehmung, Tonusregulierung, Gelenkmobilisation und Muskelaktivierung die Haupttherapieschwerpunkte dar. Neben den genannten Schwerpunkten werden unterstützend ganzheitliche Therapieverfahren wie Tai Chi und die progressive Muskelrelaxation vermittelt und geschult.
Trainingskontrollen erfolgen einmal jährlich während der Sportcamps mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen (Klinische Tests, Muskelfunktionsüberprüfung, Fragebögen, Sensomotorische Tests u. a.).
Nach Ablauf des zweijährigen HEP III-Projektes mit sieben Sportcamps und der exakten Dokumentation der Trainingsinhalte in Kombination mit der Blutungshäufigkeit zeigt sich, dass diese Form der Therapie zunächst einmal sicher und komplikationslos durchführbar und bei entsprechender Trainingshäufigkeit auch individuell erfolgreich ist.